Institut

 

Das MLU Institut für Strukturwandel und Nachhaltigkeit (HALIS) hat das Ziel, Strukturwandel in Mitteldeutschland, Deutschland sowie vergleichbare Prozesse in anderen Regionen der Welt, zu untersuchen, beratend zu begleiten und zu gestalten. Dafür bündelt es Expertisen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, es ermöglicht Zusammenarbeit und Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis, und bietet ein Forum für gesellschaftlichen Austausch und Innovation.

Strukturwandel umfasst vielfältige ökonomische, politische, soziale und ökologische Transformationen sowie deren wechselseitigen Dynamiken und Effekte. Es geht dabei um nicht weniger als eine umfassende Neugestaltung der modernen Gesellschaften im Zuge des Übergangs von fossilen Energien und extraktiven Industrien hin zu erneuerbarer Energieversorgung und zu nachhaltigen Produktions- und Lebensweisen.

Transformationen im Bereich der Ressourcen- sowie Energiegewinnung und -verteilung stehen im Zentrum des Strukturwandels. Dazu gehören beispielsweise die Stilllegung von Betrieben und die Renaturierung von Industrielandschaften, aber auch Abwanderung, der Umgang mit dem Erbe der Vergangenheit sowie der Aufbau von neuen ökonomischen, sozialen und ökologischen Strukturen und die Aushandlung von kulturellen Wertvorstellungen. Der Wandel wird unter einer Vielfalt von Akteur*innen diskutiert und gestaltet und findet auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen statt – lokal, regional, national, global, sowie translokal und transregional. In diesem Sinne stellt Strukturwandel vor allem einen qualitativen Wandel dar, dessen Erforschung sozial-, kultur-, geistes- und naturwissenschaftlicher Kompetenzen bedarf.

Erforschung und Gestaltung von Strukturwandel ist von zentraler gesellschaftlicher Relevanz. Vor allem auf der regionalen Ebene stellt dies eine Herausforderungen dar, da hier oftmals ökonomische Defizite und soziale Ungleichheiten entstehen und der Wandel durch zahlreiche lokale Veränderungen im Alltag der Menschen direkt spürbar wird. Das HALIS sieht sich verpflichtet dazu beizutragen, dass Strukturwandel im Einklang mit den Belangen der betroffenen Menschen und in Bezug auf deren Lebenswelten gestaltet wird.

Das HALIS verfolgt folgende Ziele:

 

Erforschung von Prozessen des Strukturwandels

  • Systematische und vergleichende Aufarbeitung und Analyse von Prozessen des Strukturwandels
  • Bündelung von unterschiedlichen wissenschaftlichen Kompetenzen, theoretischen Ansätzen und Methoden
  • Stärkung und internationale Vernetzung theorie-basierter empirischer Forschung

Mitgestaltung durch Innovation und Diskussion

  • Beitrag zur gesellschaftlichen Partizipation der Wissenschaft
  • Inspiration und Beitrag zur Entwicklung von konkreten Innovationen in verschiedenen Bereichen des Strukturwandels
  • Ermöglichung und Etablierung von Foren für gesellschaftliche Teilhabe

Dialog und beratende Begleitung

  • Stärkung des Dialogs zwischen Praxis und Grundlagenforschung
  • Politikberatung und andere beratende Tätigkeiten
  • Wissenstransfer an verschiedene gesellschaftliche Felder und Akteur*innen

Forschungsschwerpunkte

Theoriegeleitete qualitative empirische Forschung ist für das Institut zentral, um das Forschungsvorhaben nahe an den Räumen, Zeiten und Akteur:innen des Strukturwandels anzusiedeln. Das Institut ist um drei thematische Schwerpunkte (Hubs) herum organisiert, die jeweils unterschiedliche interdisziplinäre Expertisenkonstellationen ergeben. Diese Schwerpunkte stellen keine rigide, sondern eine dynamische Struktur dar, die für Weiterentwicklungen und Diversität offen bleibt.

Post-fossile Demokratien

Durch den Strukturwandel verschieben sich Macht- und Teilhabeverhältnisse. Insbesondere in Altindustrie- und Bergbaugebieten haben Betreibergesellschaften und Arbeiterkulturen traditionell einen signifikanten politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Wenn alte Ressourcen- und Energiequellen entwertet und abgebaut und neue erschlossen werden, verschieben sich Eigentumsverhältnisse, neue Normen und Regulierungsmechanismen werden benötigt, neue Verrechtlichungsprozesse werden in Gang gesetzt. Fragen der Ressourcen- und Energiegerechtigkeit werden, in der heutigen globalisierten Welt, nicht nur lokal, sondern ebenfalls in ihren nationalen und globalen Bezügen neu verhandelt. Aus dieser Situation heraus ergeben sich im Kontext des Strukturwandels forschungsleitende Fragestellungen: Wie verändert der Strukturwandel traditionelle gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse? Welche neuen einflussreichen Akteure entstehen? Wie kann eine neue Balance hergestellt werden, die allen Menschen in Regionen mit strukturellen Umbrüchen Teilhabechancen einräumt? Wie werden transregionale Fragen der Ressourcen- und Energiegerechtigkeit gelöst? Die Ergebnisse dieses Schwerpunktes dienen auch der Politikberatung. Kooperationen mit Verwaltungen, Politik, Unternehmen, Vereinen und NGOs sichern hier einen kontinuierlichen Praxistransfer.

Energie- und Ressourcenkulturen

Strukturwandel umfasst nicht nur geopolitisch-ökonomische Prozesse, sondern beinhaltet grundlegende soziale und kulturelle Veränderungen, etwa Rekonfigurationen von sozialen Beziehungen, Neudefinition von Wertvorstellungen und Neuorganisation von Lebensstilen. Dazu gehören etwa Pflege von Industriekultur und Erinnerungslandschaften, Entstehung neuer regionaler Identitäten und transregionaler Solidaritäten und die Entwicklung von nachhaltigen Zukunftsvisionen. Der Schwerpunkt arbeitet im Sinne der energy und environmental humanities und fragt: Wie formen Ressourcen und Energien das soziale Zusammenleben und lokale Kulturen? Welche transregionalen kulturellen Verflechtungen entstehen dabei? Welche sozialen und kulturellen Effekte ergeben sich aus der Verstrickung unserer Gesellschaften mit den vergangenen und den heutigen Energie- und Ressourcensystemen sowie deren Infrastrukturen und Industrien? Wie kann der Übergang zu nachhaltigen Energie- und Ressourcensystemen in Bezug auf neue Formen des sozio-kulturellen Zusammenlebens und der Zugehörigkeit gestaltet werden? Die Forschungsergebnisse dienen auch dem Dialog und der Diskussion mit der breiten Öffentlichkeit. Kooperationen mit Medien, Stellen der politischen Bildung, zivilgesellschaftlichen Gruppen und künstlerischen Initiativen sichern hier den Praxistransfer.

NaturGesellschaften

Strukturwandel bringt Veränderungen im Umgang mit Landschaft und Natur mit sich, z.B. durch Umnutzungen altindustrieller Anlagen, Renaturierungen, die Gestaltung von Bergbaufolgelandschaften oder auch die Etablierung neuer, in die Umwelt eingreifender Infrastrukturen (z.B. Stromtrassen, Solarparks). Forschungsleitende Fragen sind: Welche neuen sozialen und ökologischen Herausforderungen entstehen durch die Gestaltung der Folgelandschaften? Welche entstehen durch den Wechsel auf neue Berufsfelder und Industrien? Die Folgen dieses Wechsels sind bisher noch unzureichend bekannt und neue Aspekte werden sich erst im Verlauf des Wandels deutlicher abzeichnen. Der Schwerpunkt soll diese Prozesse begleiten und Basiswissen für eine kombinierte umwelt- und sozialpolitische Steuerungen des Strukturwandels liefern. Der Schwerpunkt beschäftigt sich mit Biodiversität und den Fragen der Umwelt und Ökologie in Bergbaufolgelandschaften. Die Produktion neuer Landschaften „from scratch“ beinhaltet die Aufgabe, die zukünftige ökologische Funktion und Vielfalt zu planen. Hierbei können zahlreiche erwünschte und unerwünschte Folgeeffekte entstehen, die auf allen Maßstabsebenen sowie über lange Zeiträume beobachtet und begleitet werden.